Köbi der Held

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Beschreibung

Über den Autor und weitere Mitwirkende

Stephan Pörtner, Bruder von Milena Moser, wurde 1965 in Zürich geboren. Er verließ in den frühen achtziger Jahren die Schule und sein Elternhaus, um sein Leben dem Punkrock und der Politik zu widmen. Außerdem betrieb er zehn Jahre lang erfolgreich ein Getränkeunternehmen. Danach wandte er sich der Schriftstellerei zu und wurde mit der Ehrengabe des Kanton Zürich Literatur 2000 ausgezeichnet und 2001 für den Glauser Kurzkrimipreis nominiert. Stephan Pörtner lebt als freier Schriftsteller in Zürich. »Köbi der Held« ist der erste Roman einer Trilogie mit dem Privatdetektiv Köbi Robert.

Leseprobe. Guss erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

„Das Paar Boxhandschuhe, das mir am besten gefiel, war natürlich das teuerste. Es kostete doppelt so viel, wie ich eigentlich budgetiert hatte. Ich streifte durch die Sportabteilung des Warenhauses Jelmoli. Mein Trainer hatte angedeutet, dass ich bald nochmals gut genug sein würde, um Sparring zu boxen. Außerdem hatte ich ein Geschenk verdient, weil ich so brav trainierte und Fortschritte machte. Etwas weniger euphorisch prüfte ich bei den billigeren Handschuhen Durchführung und Tragkomfort und ließ die ästhetischen Gesichtspunkte ausgenommen Acht. Ein schwarzes Paar, nicht schön, Wohl zweckmäßig, wahrscheinlich das Vorjahresmodell, fand Gnade vor meinem Portemonnaie. Ich legte es weit hinten ins Gestell, damit es mir niemand entziehen konnte.
Erst einmal wollte ich mich umschauen, was es denn sonst im Fitnessbereich gab, was diese Saison hochgejubelt, als brandneu verkauft und mit entsprechender Ausrüstung zum Geschäft gemacht wurde: Softhockey, Rollerblades und Hockey auf Rollerblades. Dazu kamen ein paar neue Varianten des Hallenturnens, die allerdings in knallbunter Kleidung, die penetrant alle sonst schamhaft versteckten Körperteile betonte, auszuüben waren. Für einen gut geformten Körper hatte man handkehrum hart gearbeitet. Er symbolisierte Leistungswillen, Jugendlichkeit und modernen Lebensstil und war ein Statussymbol wie ein schnittiges Auto. Bei den Frauen diente er als eine Art Aussteuer. Straffe Schenkel, nicht Barchentleintücher machten heute die gute Partie aus. Wenn ich richtig gelesen hatte, rangierte das Fitnesscenter als Aufreißrevier noch vor der Disco, dort war es wahrscheinlich zu laut.
Ich meinerseits, krummbeinig und schmal, trainierte noch immer in der guten blauen Turnhose und einem zu großen, weißen Unterleibchen. Dieses Tenue war heutzutage gar nicht leicht aufzutreiben.
Bei den unzähligen Turnschuharten wühlte ich nach Aktionen, meine Laufschuhe waren schon uralt, und so ganz war ich gegen die Versprechen der Industrie nicht gefeit. Auch ich hoffte, neue Schuhe würden von alleine rennen. Wohl in meiner Größe gab es verbilligt allerdings hohe Luftkissenschuhe, die ebenso aus der Mode wie unbrauchbar waren, oder Trekkingschuhe und Snowboardstiefel.
Ich ging zurück zu den Laufschuhen, von denen ich das eine oder andere frisch riechende Exemplar fachmännisch verbog, ohne zu wissen, was ich dadurch in Erfahrung bringen konnte. Da bemerkte ich, dass ich von der Seite her angesehen wurde. Wahrscheinlich war der Warenhausdetektiv auf mich aufmerksam geworden. Ich fingerte alles an, ohne etwas zu kaufen. Einen Moment lang hatte ich tatsächlich nach Möglichkeiten gesucht, die teuren Boxhandschuhe abzuzügeln, darum fühlte ich mich ertappt und sah zur Seite. Ein Mann in meinem Alter stand etwa fünf Meter entfernt, schaute mich an und lächelte. Es war kein Detektiv, es war Lucien Huwyler.
»Hey!«, sagte ich. »Lucien!«
»Also daher!« Mit einem leicht gequälten Grinsen, als hätte ich ihn beim Ladendiebstahl erwischt, kam er auf mich zu. »Köbi, Köbi Robert.«
Dieser Vorname klang seltsam fremd, es war lange her, dass ich so genannt worden war.
Luden und ich hatten zusammen die Schulbank gedrückt, vor ungefähr hundert Jahren. Handkehrum war er auf den ersten Blick nochmals zu erkennen, selbst von mir, der ein hundsmiserables Personengedächtnis hatte.“