Hegel oder die Abenteuer des Geistes

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Beschreibung

Über den Autor und weitere Mitwirkende

Gerhard Gamm, geb. 1947, seit 1996 Professor für Philosophie an der TU Darmstadt (ab 2015 als Emeritus), studierte Philosophie (Promotion, Habilitation), Soziologie und Psychologie (Diplom) in Tübingen und Frankfurt am Main. Sein Schwerpunkt ist die neuere Philosophie und die Auseinandersetzung mit Wissenschaft und Gesellschaft, Technik, Kunst und Religion. Er hat zahlreiche Bücher veröffentlicht, u. a. eine Philosophie der sozialen Welt (Verlegene Vernunft, 2017), eine vielfach aufgelegte Einführung in die Philosophie von Fichte, Hegel und Schelling (Der Deutsche Idealismus, 2016) und eine Geschichte philosophischen Denkens im 20. Jahrhundert (Philosophie im Zeitalter der Extreme, 2009).

Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Seine Philosophie fordert dazu auf, in Anlehnung seine Gedanken sich seine eigenen Gedanken zu machen. Dazu muss man sich auf die Texte einlassen und „das Widerstreben [des gewöhnlichen Bewußtseins], das Bekannte zu denken“, durchbrechen. Dass Hegel dabei ausgiebig zu Wort kommt, versteht sich von selbst. Die Texte zeigen aber auch, dass sie uns, was ihre Sprache und den Gestus zu denken betrifft, zu einem Teil fremd geworden sind. Sie aufzuschließen verlangt, an ihrer ‚Übersetzung‘ zu arbeiten und die Bausteine eines Hintergrundwissens mitzuliefern, das ihr Verständnis befördern könnte. Sie schaffen erst den Raum, um auf sie zu hören wie auf einen Lockruf aus einer fernen und allzu nahen Welt. Die größte Schwierigkeit liegt in der Wahl des richtigen Abstandes zum Gegenstand: zwischen Fach- und Weltwissen (Weisheit), philosophischer Terminologie und Alltagssprache, zwischen einem stärker narrativen und argumentativen Denkstil das rechte Maß zu finden. Und das liegt in der Dialektik bekanntlich nicht in der Mitte, sondern in den Extremen, die zeigen, wie gut und belastbar das Mittlere und Vermittelnde ist.
Von Georg Wilhelm Friedrich Hegel zu sprechen, heißt nicht, ein Interesse an seiner Person und seinen Lebensumständen zu nehmen, eine home-story zu schreiben – er nennt solcherart „nette“ Unternehmung verächtlich die Perspektive des „Kammerdieners“. Es bedeutet, mit seinem Denken, der „Begriffsperson“ Hegel, Kontakt aufzunehmen. Und das ist es, worauf man hoffen muss: dass der „lebendige Geist“, wie er schreibt, „der in einer Philosophie wohnt, verlangt, um sie zu enthüllen, durch einen verwandten Geist wiedergeboren zu werden“. Man steht vor der nicht ganz leichten Aufgabe, eine Wiedergeburt organisieren zu müssen. Man muss darauf hoffen, dass die Stimme oder die Schrift eines anderen unseren Sinn erregt und zu einem neuen Leben erweckt – dem Leben des Geistes. Seine Kraftwerke sind die Funken sprühenden Ideen wie Freiheit, Gleichheit, Schönheit, Solidarität und Güte. Und die sind, ob wir wollen oder nicht, unermüdlich am Werk. „Geist“ ist, so Kant, das durch die „Ideen belebende Prinzip des Gemüts“, er bringt unsere Selbst- und Weltverhältnisse im Horizont der (tragenden) Ideen zur Sprache, auch wenn wir sie unterschiedlich verstehen.
Das hört sich gut an, ist aber ungemein schwierig, ganz wie die Kunst, von der Karl Valentin sagt, sie sei sehr schön, mache aber viel Arbeit. Dabei kann sich die Dialektik nicht mal sicher sein, ob ihre Arbeit, das ist die „Arbeit des Begriffs“, der richtige und einzige Zugang zu einem umfassenden Selbst- und Weltverständnis ist. Sicher ist nur, es handelt sich um kein Glasperlenspiel, auch dann nicht, wenn die Dialektik gleichsam experimentell die Gedanken hin und her bewegt und aus dieser Bewegung oder Reibung die Kräfte ständigen Neubeginns zieht.
Denken in diesem Sinn heißt freilich, den inneren Vorbehalt aufzugeben, den wir ständig im Gebrauch von Begriffen und Urteilen aktivieren. Wir erfahren uns in eine Denkbewegung hineingezogen, die fordert, uns selbst infrage zu stellen: unser existentielles Bedürfnis nach Halt, nach Standpunkten und „festen Gedanken“ einer kritischen Selbstprüfung zu unterziehen – und das für jeden einzelnen Denkschritt.
Dieser Erfahrungsprozess heißt Dialektik, er verlangt – als erste und wichtige Voraussetzung – unsere De-zentrierung: es zuzulassen, aus dem Zentrum unserer selbst vertrieben zu werden, von dem wir – als Einzelne wie als Kollektiv – vorschnell glauben, der Nabel der Welt zu sein. Dialektik ist das Anti-Blasenprogramm par excellence. Ein fortwährendes Aufstechen jener ego- und soziomanisch organisierten „Filterblasen“ der religiösen und wissenschaftlichen, politischen und alltagsweltlichen Öffentlichkeiten. Die Dialektik untersucht die hochgradig affektiv besetzten Filter der kleinen und großen (Welt)Geschichten, innerhalb der wir unser Leben mit den anderen teilen. Deren Erzählung aber auch leicht alles fernhält, was uns nicht passt.
Kurz, Denken im Stil der Dialektik zielt auf den Erwerb einer hohen Kunst, das Machen einer paradoxen Erfahrung: sich selbst ent-täuschen zu lernen. Und zwar in jenem zwei- oder dreifach gepolten Sinn, den wir als Einzelne wie als Kollektive mit dieser Herkulesaufgabe betrauen: dem Versuch, sich Zug um Zug aller Selbsttäuschungen zu entledigen. Aber nicht, weil ein von allen Illusionen und Selbsttäuschungen freies Leben und Denken auf uns wartet, wir endlich den göttlichen Beobachterstandpunkt beziehen und durch ein täuschungsresistentes Manöver namens „Prinzip“ absichern könnten, überhaupt nicht. „Sich keine Illusionen zu machen, da beginnen sie erst“, heißt es bei Karl Kraus ganz im Sinne Hegels.
Dennoch lässt sich das große Versprechen der Dialektik darin zusammenfassen, auf diesem Bildungsweg mit ständig wechselnden Denk- und Beobachtungsplattformen unvergleichlich mehr von der Welt zu sehen und zu lernen als von jeder anderen Warte aus.